
Dieses Werk ist Teil eines fortlaufenden Zyklus, der sich mit den ambivalenten Zuständen der heutigen Existenz beschäftigt.
Titel Selbstportrait
Medium: Acryl und Assemblage auf Leinwand, mit Metallgewebe und reliefartigen Applikationen
Jahr: 2026
Format: Hochformat (24 x 30 Zoll)
Farbraum: Petrolgrün, Kobaltblau, Rot, Apricot und Ocker, mit Akzenten in Schwarz, Weiß und Metall
Stilistische Einordnung: Symbolisch-geometrische Abstraktion / Mixed-Media-Assemblage
„Selbstportrait” zeigt nicht die Ablösung einer alten Identität durch eine neue, sondern die Umformung eines Lebens. Aus einer schweren schwarzen Basis steigt eine rote Achse durch gegeneinander verschobene Farbflächen empor. Die Konstruktion erinnert entfernt an einen Körper, bleibt jedoch gebrochen und durchlässig. Metallgewebe und reliefartige Elemente erscheinen als materielle Spuren einer Identität im Übergang.
Die Vergangenheit als Fundament
Die geometrische Klarheit und das Gewicht des unteren Bildbereichs stehen für ein Leben, das durch berufliche Verantwortung, Disziplin und erworbene Sicherheit getragen wurde. Diese Ordnung erscheint nicht als Einzwängung, sondern als verlässliches Gerüst, das den späteren Aufbruch überhaupt ermöglicht.
Die rote Achse gewinnt nach oben zunehmend an Kraft. An der ausgefransten Grenze zwischen Rot und Blau öffnet sich die kontrollierte Konstruktion dem Unvorhersehbaren. Die Kunst wird zur bestimmenden Kraft, ohne ihre Herkunft zu verleugnen.
Die Öffnung zur Kunst ist deshalb kein vollständiger Bruch mit der Vergangenheit. Architektur, Erfahrung und eingeübte Klarheit bleiben im neuen Leben wirksam. Was einmal Halt gab, wird zum Material einer anderen Freiheit.
Freiheit als neuer Anspruch
Die Öffnung kann zugleich als Verlust von Sicherheit und Eindeutigkeit gelesen werden. Die geometrischen Elemente wirken nicht nur beweglich, sondern auch auseinanderdriftend. Das Selbst gewinnt neue Ausdrucksmöglichkeiten, indem es seine bisherige Geschlossenheit aufgibt.
Auch die rote Achse bleibt ambivalent. Sie steht für Leidenschaft und Entscheidung, nimmt jedoch immer mehr Raum ein. Die Kunst könnte damit selbst zu einem neuen Anspruch werden, der das Leben ähnlich beherrscht wie zuvor die Karriere. Der Wechsel von einer dominierenden Ordnung in eine andere garantiert noch keine Freiheit.
Die durchlässigen Körper aus Metallgewebe verstärken diese Unsicherheit. Sie können als frühere Rollen, äußere Erwartungen oder unaufgelöste Teile der eigenen Identität gelesen werden. Die Vergangenheit trägt den Neubeginn, bleibt aber zugleich eine Kraft, von der er sich nicht vollständig lösen kann.
Konklusion
„Selbstportrait“ erzählt keine einfache Geschichte von beruflicher Enge und künstlerischer Befreiung. Die Kunst gewinnt die Führung, während Ordnung, Sicherheit und Disziplin als gültiger Restpol erhalten bleiben.
Integrität liegt nicht in der Vollendung einer neuen Identität, sondern in der Bereitschaft, die Brüche ihrer Entstehung sichtbar zu lassen. Die neue Freiheit entsteht, indem Fähigkeiten und Erfahrungen aus dem früheren Leben in eine andere, offenere Existenz überführt werden. Das Werk folgt damit dem Prinzip der Integrität von Ambivalenz.
